Schießen, ohne zu töten

Sie tragen Tarnfleck und üben militärische Taktik. Sie gehen und Deckung und schießen aufeinander, wenn auch nur mit Kunststoffkugeln. Simulieren diese Leute wirklich den Krieg? Zwei Airsoft-Spieler erzählen.

Aufgezeichnet von Leonie Hnizdo

Die Gruppe besteht aus gut drei Dutzend Leuten, Männer und Frauen gleichermaßen. Sie tragen Tarnkleidung, Helme, Gewehre und Pistolen. Sie verstecken sich, suchen Deckung oder greifen an. Schüsse fallen. Die Munition? Kleine Kugeln, nur aus Kunststoff. Was sie da tun, nennt sich Airsoft: Eine Spiel, bei dem die Teilnehmer in militärischer Manier auf einem begrenzten Terrain Aufgaben erledigen.

„Es geht nicht um die Waffen“

Moritz Stawsky, 22

Moritz Stawsky während seiner Zeit bei der Bundeswehr. Foto: privat

„Ich bin in einer Militärfamilie aufgewachsen. Da waren einige beim US-Militär und bei der Bundeswehr. Mir wurde das also so ein bisschen in die Wiege gelegt. Meinen ersten Militärrucksack habe ich etwa mit zehn bekommen. In der Schule habe ich dann relativ schnell für mich beschlossen: Ausbildung schön und gut, aber vorher gehe ich zur Bundeswehr.

Es hat mich schon sehr interessiert, wie das abläuft, wenn ein Soldat in den Kampf muss. Man bekommt das ja meistens nur über YouTube-Videos mit, oder über die Nachrichten, wenn irgendwo ein Kampf ist. Ich wollte wissen, wie das wirklich ist. Also habe ich mit 17, als ich mit der Schule fertig war, mit der Grundausbildung angefangen. Danach kam die Gebirgsjägerausbildung.

Da hat sich dann schon herauskristallisiert, dass ich ein etwas unausgelasteter Soldat war. Deswegen habe ich mit der Schwerpunktausbildung Ortshäuserkampf begonnen. Dann habe ich beschlossen, in einen Auslandseinsatz zu gehen.

Es klingt jetzt vielleicht dumm, aber ich war zu dem Zeitpunkt Single, hatte niemanden, für den ich mich „aufbewahren“ musste. Und weil ich generell jemand bin, der gern und viel unterwegs ist, hat mir das auch so ein bisschen in die Karten gespielt.

Ich hatte natürlich auch Angst, große Angst, da bin ich ganz ehrlich. Meine Familie auch. In einem Gebiet wie Afghanistan rechnest du als Soldat eigentlich damit, zu sterben. Ich hatte eine Lebensversicherung. Und ich habe ein Testament. Welcher 22-Jährige kann das von sich behaupten?

Natürlich sind wir sind nicht mit dem Ziel dorthin gegangen, zu töten. Wir waren die letzten deutschen Soldaten in Afghanistan, die Einheit also, die Afghanistan zugemacht hat. Wir haben dort der Bevölkerung geholfen, mit den Kindern für die Schule gelernt und Fußball gespielt, Süßkram für sie mitgebracht, all sowas.

Aber auf Angriffe mussten wir reagieren. Wenn wir angegriffen wurden, haben wir geschossen. Es kam zum scharfen Schuss – ich habe einen Menschen getötet. In dem Moment ging es darum: Entweder ich sterbe, oder der andere stirbt. Zu dem Zeitpunkt war das simpel, jetzt bin ich deswegen in Therapie. PTBS.

Viele würden sich jetzt wahrscheinlich fragen, warum ich dann trotzdem Airsoft spiele. Ich sage: gerade deswegen. Das mag jetzt komisch klingen, nach allem, was ich erzählt habe, aber ich bin jemand, der Gewalt verabscheut. Airsoft ist ein Spiel. Da weiß ich, wenn ich jemandem einen Schuss zwischen die Augen gebe, dann stirbt der nicht. Er geht ins „Spawn“, regt sich über diesen wundervollen Schuss von mir auf und denkt sich seinen Teil.

Im Podcast erzählen Mortz Stawsky und Paul Hnizdo von ihrer Faszination für Airsoft – und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es aus ihrer Sicht zwischen der Bundeswehr und ihrem Hobby gibt. Jetzt auf Soundcloud anhören.

Mit Airsoft habe ich 2023 angefangen. Das Tollste daran ist die Kopfarbeit – ich bin ADHSler, habe also sowieso Hummeln im Arsch. Das logische Denken, die Strategie und die Gruppenorganisation sind Beschäftigung für mein Gehirn. Und nebenbei bewege ich mich an der frischen Luft. Außerdem gibt es tollen Teamgeist. Die Community ist riesig, und ich habe viele Freunde durch dieses Hobby gewonnen. Leute verkennen Airsoft oft – es ist nicht mit dem Gedanken verbunden, der größte und beste Soldat zu sein.

Es geht nicht einmal wirklich um die Waffen. Die sind nur Mittel zum Zweck, um die Aufgaben zu erfüllen, die uns auf dem Spielfeld gestellt werden. Klar gibt es auch ein paar wenige Spieler, die am liebsten drauf losballern würden. Große Klappe, nichts dahinter – die haben nie erlebt, wie es wirklich ist, wenn es ernst wird. Tatsächlich bin ich aber sehr froh, dass die Jungs nicht wissen, wie schlimm sich das anfühlt. Die bekommen sechs Schuss auf den Ranzen und gehen abends nach Hause zurück. Die hatten einen tollen Tag und Abenteuer erlebt. Es ist eben ein Spiel.“

„Es ist meilenweit von wirklichem Krieg entfernt“

Paul Hnizdo, 21

„Meine erste richtige Anscheinwaffe, wie die Dinger korrekt heißen, habe ich von meinem Vater bekommen. Er hatte damals genug davon, mir immer diese Plastikdinger aus dem Spielzeugladen unten an der Ecke zu kaufen, die nach drei Tagen kaputt gehen. Ich habe eine Federdruckpistole bekommen – eine, die mit der Spannung einer verbauten Feder geladen wird. Das hat mich angefixt.

Durch die Anscheinwaffen bin ich dann in die Szene gekommen, und vor zwei Jahren hat mich jemand gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit auf ein Airsoft-Event zu gehen. Der Rest ist Geschichte. Die Community ist das, was mich am meisten zieht. Da ist eine Gruppe von Leuten, die deine Faszination für Waffen und das Militärische teilt – das war für mich neu. Auf einmal wirst du nicht nur akzeptiert, sondern auch verstanden. Da kommen so Aussagen wie „das alte G3 fand ich schon schön, warum mussten die jetzt das neue G36 anschaffen?“ Wobei „neu“ nicht mehr stimmt. Mittlerweile gibt es ja schon die HKG95.

Wir sind halt Waffen-Nerds. Da habe ich mich gleich gut aufgehoben gefühlt. Trotzdem ist es mir wichtig, zu sagen, dass das Sportgeräte sind. So oder so, unsere Waffen können Menschen verletzen. Wir gehen damit um wie mit einer richtigen Waffe. Das heißt, sie ist niemals geladen, wenn sie nicht geladen sein muss. Der Lauf ist immer auf den Boden gerichtet, der Abzugsfinger geht nur an den Abzug, wenn man auch wirklich etwas treffen will. All die Regeln eben, die man bei einer normalen Waffe auch beachten muss.

Gleichzeitig bin ich mir sehr bewusst darüber, dass das bei uns immer noch nur Spiel ist. Ich glaube, wenn du ein richtiges Gewehr in der Hand hast, und weißt, dass das jetzt real ist, dass du mit dem nächsten Schuss eine Person wirklich tötest – dann ist da was ganz anderes dahinter. Dann nimmst du sicher nicht mehr so leicht die Waffe hoch und drückst ab.

Aber um die Waffen geht es ja auch gar nicht vordergründig beim Airsoft-Spielen. Die sind nur im Kontext von Spielmodi wichtig. Man spielt in verschiedenen Varianten, bei denen es immer viel mehr um Taktik, Gruppendynamik und Organisation geht, als um dummes Herumballern. Anstatt „Krieg“, wie viele denken, spielen wir zum Beispiel „Retten von Fetten“. Da liegen irgendwo auf dem Spielfeld Dummys, die wir finden und an einen bestimmten Punkt bringen müssen. Oder „Capture The Flag“, in dem wir Flaggenpunkte einnehmen und die Flaggen sammeln müssen.

Auch die Art, wie wir spielen, unterscheidet sich grundlegend von irgendetwas, das mit Krieg zu tun hat. Beim Airsoft legt man es darauf an, Risiken einzugehen. Man weiß, in der Deckung ist jemand, und kein Soldat, der noch ganz bei Sinnen ist, würde da einfach reinstürmen und losschießen. Klar, wir sehen ähnlich aus mit den Waffen und unserer Kleidung, aber es ist meilenweit von wirklichem Krieg entfernt.

Ob ich selbst in den Krieg gehen würde, darüber habe ich viel nachgedacht. Jetzt noch zur Bundeswehr zu gehen, ist für mich ausgeschlossen. Ich habe meine Ausbildung als Schlosser gemacht und möchte da weiter aufsteigen, meinen Meister machen. Wenn ich eingezogen werden würde, würde ich gehen. Nicht, weil ich Krieg so toll finde – jeder Krieg auf der Welt ist unnötig. Aber wenn wir die Welt nicht schützen, wer macht es dann?

Toll ist es natürlich, wenn man Ex-Soldatinnen und Soldaten in der Airsoft-Truppe hat. Strategisch ist das ein Vorteil, wenn sie da verbesserte Elemente einbringen können. Man lernt auch viel voneinander. Der eine hat taktisches Wissen, der andere vielleicht die bessere Ausrüstung. Man ergänzt sich und hält zusammen. Am Ende haben Bundeswehr und Airsoft nicht viel miteinander zu tun – weniger als man denkt und als unsere Ausrüstung vermuten lässt. Ich glaube, was bei uns am nächsten kommt, ist eben der Teamgeist. Spieler sind füreinander da. Wir sind eine Truppe.“

Das Bild oben zeigt einen Airsoft-Spieler im Einsatz. Foto: Rob Stofa