Sollten Frauen Wehrdienst leisten müssen?

Als es noch eine Wehrpflicht gab, wurden nur Männer eingezogen. Und seit der jüngsten Reform des freiwilligen Wehrdiensts müssen auch nur Männer den Fragebogen der Bundeswehr ausfüllen. Dabei gilt in Deutschland Gleichberechtigung. Ist das gerecht?

Mit der Reform des freiwilligen Wehrdiensts ist die Frage der Wehrgerechtigkeit wieder aufgekommen. Weil das Grundgesetz die klassische Wehrpflicht nur für Männer vorsieht, müssen auch nur Männer den neuen Fragebogen der Bundeswehr beantworten – und werden im äußersten Fall bestraft, wenn sie es nicht tun. Um Frauen genauso einzubeziehen wie Männer, müsste das Grundgesetz geändert werden. Das wollte die Koalition aus Union und SPD nicht. Und sie hätte im Bundestag auch nicht die dafür nötige Mehrheit von zwei Dritteln der Stimmen gehabt. So blieb, was die Unterschiede zwischen den Geschlechtenr angeht, erst einmal alles beim Alten. Ist das richtig so? Ein Pro und Contra.

„In einer idealen Welt darf es keinen Unterschied geben“

Ein Kommentar von Arved Mittelstädt

Wenn schon Wehrdienst, dann müssten die Regeln für alle gleich sein. Dass Männer den Fragebogen für den freiwilligen Dienst an der Waffe ausfüllen müssen, Frauen aber nicht, ergibt so gesehen keinen Sinn. Gleichberechtigung sollte doch längst eine Selbstverständlichkeit sein, in allen Bereichen des Lebens.

Natürlich haben die Gegner dieser Position nicht ganz Unrecht. Sie argumentieren, dass das Ziel der Gleichberechtigung noch längst nicht überall erfüllt ist. Frauen übernehmen noch immer deutlich mehr Care-Arbeit als Männer, sie kümmern sich öfter um die Betreuung von Kindern und die Pflege von Angehörigen. Und natürlich sind sie es, die die Kinder bekommen. Manche sagen, Frauen haben ihren Dienst an der Gesellschaft so bereits erfüllt. Ich verstehe, dass man das so sehen kann.

Und doch greift die Argumentation zu kurz. Denn die Welt verändert sich gerade rasant, wir sind mittendrin. Es stimmt, dass Frauen sich häufiger in sozialen und familiären Belangen engagieren. Doch Studien zeigen, dass Männer stetig aufholen, sie übernehmen einen immer größeren Anteil an der Betreuung von anderen Menschen. Mehr Mütter kehren deshalb zurück ins Berufsleben. Die Veränderungen, die gemeint sind, wenn von Gleichberechtigung die Rede ist, passieren gerade. Das ist gut so. Und das kann man nicht ignorieren. 

In einer idealen Welt darf es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern geben. Nicht beim Gehalt für vergleichbare Jobs und eben auch nicht bei den Regeln für den Wehrdienst. Noch ist die Welt nicht ideal, vielleicht wird sie es nie sein. Doch sie wird nicht besser werden, wenn sich nicht alle darum bemühen, die bestehenden Unterschiede abzubauen. Deutschland ist bei der Gleichberechtigung vorangekommen. Spätestens wenn der Gesetzgeber eine richtige Wehrpflicht beschließen sollte, darf es keinen Unterschied machen, welches Geschlecht ein Mensch hat.  


„Nur auf dem Papier haben wir Gleichberechtigung“

Ein Kommentar von Fatma Betül Celik-Demirci

Die Bundeswehr braucht dringend mehr Soldaten, das ist klar. Manche fordern deshalb, dass verstärkt Frauen zum Dienst an der Waffe aufgerufen werden sollen. Doch das wäre ein Fehler. Nicht nur, weil laut einer Umfrage etwa 70 Prozent der Befragten gegen einen verpflichtenden Wehrdienst sind.

Nach dem Grundgesetz sind Frauen und Männer schon jetzt gleichberechtigt. Das heißt nicht, dass es überall fair zugeht. Denn das tut es nicht. Frauen arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Pflegeberufen, im Erziehungs- und Bildungsbereich, im Gesundheitswesen und in anderen sozialen Jobs. Sie übernehmen viel Arbeit, die Männer offenbar nicht machen wollen – sonst würden schließlich mehr Männer in diesen Berufen arbeiten. Nur auf dem Papier haben wir Gleichberechtigung. In der Wirklichkeit fehlt sie viel zu oft.

Es ist deshalb unfair, Frauen mit Verweis auf fehlende Gleichberechtigung auch noch zum Dienst an der Waffe verpflichten zu wollen. Die Zahl derjenigen, die den Wehrdienst vorsorglich verweigert haben, ist zuletzt sprunghaft angestiegen. Zudem hat es gute Gründe, dass Frauen auch bei der alten Wehrpflicht, die zugunsten eines freiwilligen Diensts ausgesetzt ist, außen vor geblieben sind. Wer mit einem Kind schwanger ist, kann nicht in den Krieg ziehen. Wer ein kleines Kind versorgt und großzieht, wie es eben oft die Frauen tun, kann nicht gegen Feinde kämpfen.

Natürlich kann man für vieles Lösungen finden. Elternzeit für Soldatinnen, nur Verwendungen in der Verwaltung für junge Mütter. Während der Periode könnten Soldatinnen von Sportübungen ausgenommen oder gleich ganz freigestellt werden. Doch welche Truppe braucht Soldatinnen, die nicht auch in den Krieg ziehen könnten, wenn es hart auf hart kommt?

Am Ende muss man eines anerkennen: Man kann auf die Gleichstellung von Frauen und Männern hinwirken, aber durch die Biologie wird es immer einen Unterschied geben. Was den Wehrdienst betrifft, so sind Gleichberechtigung und Gleichbehandlung zwei verschiedene Dinge.

Im Podcast zum Projekt haben die Autoren Arved Mittelstädt und Fatma Betül Celik-Demirci die wichtigsten Argumente ihrer Positionen zu einer möglichen Wehrpflicht für Frauen zusammengefasst. Jetzt auf Soundcloud anhören.

Das Bild oben zeigt Wehrdienstleistende unter dem Kommando eines weiblichen Oberleutnants. Foto: Bundeswehr/Bienert