„Wenn du Frieden willst, musst du dich für den Krieg rüsten“

Felix Schmitt war fast zwei Jahre lang bei der Bundeswehr. Im Gespräch blickt der ehemalige Soldat auf seine Zeit in der Kaserne zurück und erklärt, welche Klischees über die Truppe stimmen und welche nicht.

Von Sarah Wagner-Borst

Herr Schmitt, wie sind Sie zur Bundeswehr gekommen?

Damals gab es noch die Wehrpflicht. Als ich 21 Jahre alt war, wurde ich für neun Monate eingezogen. Danach habe ich freiwillig um 14 Monate verlängert, insgesamt war ich also knapp zwei Jahre bei der Truppe. Zum Schluss habe ich junge Rekruten ausgebildet.

Sie hätten den Dienst an der Waffe auch verweigern und Zivildienst leisten können.

Ich war als Jugendlicher bei den Pfadfindern und gerne draußen unterwegs. Ich konnte Karten lesen, einen Kompass verstehen und Feuer machen – Dinge, die man im Wehrdienst lernt. Davor hatte ich also keine Angst. Meine Einstellung war: Wenn sie mich einziehen, dann gehe ich auch zur Bundeswehr. Nach dem Schulabschluss habe ich zunächst eine Ausbildung zum Fotografen gemacht. In dieser Zeit kam der Brief mit dem Termin zur Musterung. Weil ich zu der Zeit keine größeren Pläne hatte, was ich nach der Ausbildung machen will, kamen die neun Monate Grundwehrdienst ganz gelegen.

Bei den neun Monaten blieb es nicht. Warum haben Sie verlängert?

Noch während der Grundausbildung bei der Truppe wurde ich gefragt, ob ich nicht Ausbilder werden möchte. Dazu muss man wissen: Die Grundausbildung dauerte nur drei Monate. Die restlichen sechs Monate haben die meisten Rekruten in Bürojobs verbracht, man erledigt dann Hilfsarbeiten, die sonst niemand machen will. Ausbilder zu sein, war viel besser, als in einem Büro zu versauern. Am Anfang dieser Zeit hatte ich eigentlich noch einen Vorgesetzten. Der war aber oft wochenlang auf Lehrgängen. Also war ich alleine für die Ausbildung von teils 50 Leuten zuständig. Das hat Spaß gemacht und auch super geklappt. Als der Wehrdienst zu Ende ging, wusste ich immer noch nicht, was ich machen will. Man konnte damals bis zu 14 Monate verlängern. Also habe ich das gemacht.

Was waren Ihre Aufgaben in dieser Zeit?

Ich war bei der Luftwaffe für die allgemeine Grundausbildung, kurz AGA, zuständig. Die ist bei allen Teilstreitkräften weitgehend standardisiert. Am Anfang die Grundlagen: Was gehört zu einer Uniform? Wie sind die Dienstgrade? Wie mache ich Feuer im Wald? Später geht es auch um die Führung von Personal. Jeder Ausbilder macht es ein bisschen anders. Das ist wie beim Schulsystem: Es gibt zwar einen Lehrplan, aber jede Schule setzt ihre Schwerpunkte etwas anders.

Mit welchem Bild von der Bundeswehr sind Sie in die Grundausbildung gestartet?

Das war recht neutral. Ich hatte Bekannte, die schon bei der Bundeswehr waren. Durch den Wehrdienst kannten damals viele die Bundeswehr von innen. Ich wusste also, dass es dort nicht so ist wie in amerikanischen Filmen, also dass Rekruten die ganze Zeit angebrüllt und niedergemacht werden. Mein Plan war: Ich schaue mir den Laden einfach mal an. Und man konnte ja auch jederzeit wieder gehen.

Die neun Monate musste man nicht absitzen?

Ganz und gar nicht. Es gab zum Beispiel Leute, die hatten es versäumt, ihren Antrag auf Verweigerung des Kriegsdiensts rechtszeitig zu stellen. Die mussten dann in die Kaserne kommen und haben da nicht viel gemacht, bis ihr Antrag bearbeitet war und sie wieder gehen konnten. Die meisten Menschen denken, bei der Truppe ist man quasi angekettet. Doch es war mehr wie im normalen Arbeitsleben auch: Man schließt einen Vertrag, den man wieder kündigen kann. Auch Zeitsoldaten, die eine Verpflichtung zwischen vier und 15 Jahren eingehen, können vorzeitig austreten.

Wie hat sich Ihr Bild der Bundeswehr in der Zeit verändert?

Ich sah die Truppe danach positiver. Es war wirklich spannend, so einen breiten Querschnitt der Gesellschaft zu sehen. Zu schauen, was es so für Charaktere gibt, auch mit teilweise ganz wilden und unterschiedlichen Hintergründen. In den Streitkräften können die auf einmal alle zusammen funktionieren.

Was waren das für Menschen, die sich für den Wehrdienst entschieden haben?

Wir hatten wirklich alles mit dabei. Von einem Schnösel, der einen neuen Porsche von seinem Vater zum achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hat, bis hin zu Leuten, die ihr kostenloses Bahnticket, das es für die Fahrt vom Wohnort in die Kaserne gab, aus Geldmangel verkauft haben und lieber zu Fuß gegangen sind.

Übungslager der letzten Wehrpflichtigen im Jahr 2011. Foto: Bundeswehr/Bienert

Was hat Ihnen an Ihrer Zeit in der Bundeswehr besonders gefallen?

Die Uniform macht die Leute gleich. Man bietet anderen kaum Angriffsmöglichkeiten wegen seiner Kleidung oder dem sozialen Status. Eine Begegnung ist mir besonders im Kopf geblieben. Donnerstag, das war immer der Ausgehtag. Ich hatte mich mit einem Kameraden, den ich aus der Kaserne kannte, verabredet, um danach draußen ein Bier trinken zu gehen. Plötzlich kam mir eine Person entgegen gelaufen, schwarzer Ledermantel, Zylinder, weiß geschminkt, schwarzer Kajal, Doc-Martens-Stiefel mit Metallklammern drauf, dazu ein Gehstock. Dann war der Kamerad, mit dem ich Wache gehalten habe, mit dem ich verabredet war. Ich hätte ihn draußen niemals auf der Straße angesprochen. Durch die Uniform findest du Freundschaften, die sonst nie entstanden wären.

Und worauf hätten Sie lieber verzichtet?

Bei mir in der Kaserne kam das weniger vor, aber es gibt Standorte, vor allem in der ehemaligen DDR, die politisch sehr rechtslastig waren, und das nicht nur unterschwellig. Das war bei uns aber kein Problem. Wir hatten nur einmal den Fall, dass bei einer Stube ein Hakenkreuz in den Türrahmen geritzt wurde.

Was haben die Verantwortlichen unternommen?

Eine Woche lang wurde die gesamte Kompanie verriegelt. Keiner konnte rein oder raus, bis die Vorgesetzten wussten, wer das war.

Hierarchien spielen in der Truppe eine wichtige Rolle.

Aus meiner Ausbildung kannte ich Hierarchien schon. Bei der Truppe fängt es langsam an, die ersten Tage läufst du noch ohne Uniform herum. Dann lernst du die ganzen Dienstgrade kennen. Am Anfang hat man noch Welpenschutz.

Junge Männer müssen jetzt wieder zur Musterung, auch wenn der Dienst zunächst freiwillig ist. Wie finden Sie das?

Vor allem verstehe die Aufregung von vielen Leuten nicht. Wer eine Berufsausbildung beginnt, muss oft auch zu einer ärztlichen Untersuchung. Die Musterung ist nicht viel landers. Ich finde es richtig, wenn es so etwas gibt wie ein freiwilliges soziales Jahr, mit der Wahlmöglichkeit, eben auch zur Truppe zu gehen. Nach dem Aussetzen der Wehrpflicht 2011 ist in Pflegeeinrichtungen ein großes Problem entstanden, weil plötzlich viele Leute fehlten. Ich finde es wichtig, ein Jahr lang mal nicht für sich selbst zu arbeiten, sondern für die Gesellschaft und die Demokratie, in der wir leben. Wir Deutschen haben das Problem, dass durch den  Ersten und Zweiten Weltkrieg die Bundeswehr in Verruf gekommen ist.

Die Musterung nach dem Willen der Bundesregierung nur für Männer verpflichtend. Ist das richtig?

Wir leben in einer Demokratie, wir wollen, dass Frauen gleichgestellt werden. Und wir leben in einer aufgeklärten, modernen Gesellschaft. In anderen Ländern wird diese Frage gar nicht gestellt. In Teilen Skandinaviens müssen Frauen teilweise seit Jahrzehnten auch Wehrdienst leisten. Das sollte auch bei uns so sein.

Verstehen Sie die Ängste junger Männer vor dem Dienst an der Waffe?

Dieses ganze Waffenthema ist vollkommen übertrieben. Damals hat man in der Grundausbildung 15 mal geschossen, also 15 Schuss abgegeben in der ganzen Zeit. Das ist vor allem anstrengend und nervig. Niemand, der die Grundausbildung macht, wird gezwungen, auf Menschen zu schießen.

Was raten Sie jungen Menschen?

Sie solltem keine Angst vor der Bundeswehr haben. Viele denken ja: Oh mein Gott, ich werde da angeschrien. Nein, das ist nicht so. Oder: Ich werde runtergemacht. Das stimmt auch nicht. Die Leute werden nicht systematisch entmenschlicht und auch nicht aufs Töten gedrillt. Die Bundeswehr besteht nicht nur aus Panzerfahrern und Scharfschützen. Es gibt auch Logistiker, Ärzte und sogar Sportsoldaten. Natürlich kann ich verstehen, dass die Truppe auch mal in ein schlechtes Licht gerät. Es gibt überall Ausrutscher und Deppen, aber die stehen nicht für die Bundeswehr insgesamt. Wir können echt froh sein, dass wir die Truppe haben. Wenn irgendwo ein Deich bricht oder Städte überschwemmen, kannst du zwar die Feuerwehr rufen, aber die meisten Menschen, die vor Ort helfen können, sind von der Bundeswehr. Und natürlich gilt auch der Satz: Wenn du Frieden willst, musst du dich für den Krieg rüsten.

Warum haben Sie die Truppe nach knapp zwei Jahren verlassen?

Ich wollte bleiben und hatte mich beworben. Das war leider genau zu der Zeit, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Dadurch kam es zum Einstellungsstopp, viele Stellen sind weggefallen, es brauchte ja kaum noch Ausbilder. Meine alte Kaserne wurde etwa ein Jahr später geschlossen. Die gibt es heute nicht mehr.

Felix Schmitt, Jahrgang 1988, leistete seinen Wehrdienst von 2009 an bei der Bundeswehr in Mengen-Hohentengen in Oberschwaben. Danach verpflichtete er sich für weitere 14 Monate bei der Luftwaffe und war dort für die Grundausbildung von Rekruten zuständig. Nach seiner Zeit bei der Truppe machte Schmitt eine Ausbildung als Mediengestalter. Er arbeitet heute als selbständiger Kommunikationsdesigner in Aschaffenburg.

Das Bild ganz oben zeigt einen Munitionsgurt für das Maschinengewehr bei einem Schießlehrerlehrgang. Foto: Bundeswehr/Jana Neumann