Die Streitkräfte suchten Freiwillige für den Dienst an der Waffe. Für Sportschützen und die Spieler von sogenannten Ego-Shootern ist das Schießen schon heute ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie könnten die idealen Rekruten für die Truppe sein. Gäbe es da nicht ein großes Missverständnis.
Von Julian Held und Lisa Rupprecht
Es ist kalt in dem Raum vor der Schießbahn. Das Licht fällt auf holzverkleidete Wände, dicht behängt mit Ehrenscheiben. So nennen sie die großen runden Holztafeln. Sie sind verziert mit kleinen Metallplättchen und Tiermotiven und erzählen von Jubiläen, Königsschießen und der Vereinsgeschichte. In der Mitte des Raums ein massiver Holztisch, am Rand eine Bar, bestückt mit dem Bier der Dorfbrauerei. Aus dem ersten Stock zieht der Duft von griechischem Essen herunter. Über die Anlage läuft Bruce Springsteen, „Dancing in the dark“, so laut, dass es nicht mehr als Hintergrundmusik durchgeht.
Auf der Schießbahn nebenan knallt es. Peng! Ein Mann steht dort, die Waffe auf das Ziel in der Ferne gerichtet. Seine Haltung ist konzentriert, fast regungslos. Er schießt mehrfach auf die Papierscheibe, das Knallen rollt durch den offenen Türbogen hinüber. Peng! Peng! Peng!
Jede Bewegung des Schützen wirkt kontrolliert. Als er fertig ist, packt er die Waffe sorgfältig weg. Was hier passiert, ist Sport. Später sagt eins der Mitglieder am Tisch: „Wir spielen keinen Krieg.“
Kein Gebrüll, kein Zeitdruck
Ein Abend im Dezember. Die Mitglieder des Schützenvereins in Großostheim, einem kleinen Ort südlich von Aschaffenburg, treffen sich zum Training. Die Republik diskutiert da gerade wieder über Waffen und Verteidigung. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Bundesregierung dazu gebracht, den Wehrdienst zu reformieren. Es sollen wieder mehr junge Leute Dienst an der Waffe leisten. Wie stehen jene dazu, die schon heute in ihrer Freizeit mit Waffen umgehen, freiwillig und aus Interesse? Führen der Weg aus den Schützenvereinen der Republik bald geradewegs in die Kaserne?
Der Trainingsraum in Großostheim wirkt alles andere als martialisch. Elf Schießbahnen reihen sich aneinander, jede mit einer Halterung zum Ablegen der Waffen ausgestattet – für die älteren Mitglieder, wie später jemand erklärt. Es gibt Schießklappen für die Augen, damit das Zielen einfacher wird. Klare Linien auf dem Boden und feste Abläufe beim Training geben dem Raum Struktur. Die Atmosphäre bleibt ruhig, beinahe still. Kein Gebrüll, kein Zeitdruck. Nur das regelmäßige Knallen der Schüsse ist zu hören. Die Schützen vor ihren Papier Scheiben bleiben davon unbeirrt.
Julian führt durch die Anlage. Als an einer Station gerade geschossen wird, signalisiert er mit einem Blick, dass es besser ist, jetzt ein paar Schritte zurückzugehen. Die Konzentration der Schützen hat Vorrang. Im holzvertäfelten Vorraum öffnet der 21-Jährige seinen Waffenkoffer. Er ist mit einem Zahlencode gesichert. „Den kennt nicht mal meine Freundin“, sagt Julian. Sicherheit stehe an erster Stelle. Er schießt mit einer Pistole vom Typ Walther LP 500. Die Marke, erklärt Julian, werde auch von Polizei und anderen Behörden genutzt. Seine Waffe ist individuell angepasst, optimiert für den Wettkampf. Sie ist ein Sportgerät, getrimmt auf Präzision.

Über Politik spricht man im Verein nicht gern. Den Schützenverein beschreibt Julian mit drei Worten: Tradition, Konzentration, Gemeinschaft. Das sind Begriffe, die auch zur Bundeswehr passen könnten. Spricht man die Mitglieder am Tisch darauf an, wird es kurz still. Julian sagt: „Auf der Gamescom hat man mehr mit dem Bund zu tun als hier.“
Die Gamescom ist die weltweit größte Messe für Computerspiele. Sie findet immer im August in Köln statt, zuletzt kamen knapp 360.000 Besucher. Seit 2009 wirbt die Bundeswehr auf der Messe um Nachwuchs, vor allem aus der Gamer-Szene. „Für uns stehen die Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt“, sagt die Bundeswehr über ihr Engagement auf der Messe. „Wir wollen wahrgenommen werden, erklären, was wir tun, und die Menschen aktiv dazu anregen, sich mit den Streitkräften auseinanderzusetzen.“
Niklas Cleve kann sich nicht vorstellen, für die Bundeswehr zu arbeiten. Und ginge er auf die Messe nach Köln, würde er um den Stand der Truppe einen Bogen machen. So sagt er es. Der 22-Jährige spricht von „altertümlichen und starren Strukturen“ in der Kaserne. „Da sagt dann einer, wo es lang geht und man darf nichts hinterfragen.“
„Das Zocken ist für mich ein Ausgleich“
Der Student aus Heidelberg sitzt in einem Zimmer auf dem Schreibtischstuhl, leicht nach vorn gebeugt. Das Headset auf den Ohren, den Controller fest in den Händen. Auf dem Monitor vor seinen Augen läuft das Computerspiel „Call of Duty“, ein sogenannter Ego-Shooter, bei dem insgesamt rund 150 Personen gleichzeitig ums virtuelle Überleben kämpfen. Während der Schulzeit spielte Niklas fast täglich mehrere Stunden, heute sind es nur noch zwei bis drei pro Woche. „Das Zocken ist für mich ein Ausgleich und ein Ausblenden vom restlichen Alltag“, sagt er. „Ich kann in eine andere Welt eintauchen und einfach mal abschalten, indem ich mich ein paar Stunden auf etwas anderes fokussiere“.
Auf dem Bildschirm eilt Niklas‘ Avatar gerade hastig an eine Hauswand und geht dort in Deckung. Die Figur beginnt, mit ihrer Waffe zu zielen. Das rote Fadenkreuz-Symbol des Sturmgewehrs erfasst den Gegner, der nur wenige Meter vor ihm auf der Straße läuft. Das ohrenbetäubende Schussfeuer beginnt. Zwei Schüsse treffen den Gegner in den Oberkörper, der dritte landet im Kopf. Bevor dieser reagieren kann, liegt er tot am Boden. Niklas kommentiert die Szene trocken: „Easy.“
Für ihn steht der Spaß im Vordergrund. Niklas fasziniert vor allem das Spielprinzip von Ego-Shootern, sagt er. Waffen seien zwar das wichtigste Mittel, doch das Schießen auf andere sei für ihn zweitrangig. „Ich bin kein Waffenenthusiast“, sagt er. „Noch nie bin ich an die Konsole gegangen und habe gedacht, dass ich möglichst viele Leute töten möchte.“ Beim virtuellen Töten bekomme er kein „krasses Gefühl“, sagt Niklas. Etwas anderes zieht ihn ins Spiel hinein: „Das Gefühl, dass ich einen Schritt näher an Sieg bin oder dass meine Taktik aufgegangen ist.“
Nur 29 von 150 Spielern sind noch im Rennen
Mit schnellen Schritten schreitet Niklas’ Avatar durch das virtuelle Geschehen. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Der nächste Gegner soll gefunden werden, um am Ende die Runde als letzter Überlebender zu gewinnen. Die Finger des Gamers fliegen über die Tasten des Controllers, die Tasten klackern unablässig.
Niklas ist konzentriert, sein Blick starr auf den Monitor gerichtet. Er blinzelt kaum. Jeder Moment ohne die volle Aufmerksamkeit kann dazu führen, dass sein Avatar getötet wird und für ihn die Runde vorbei ist. Nur 29 von 150 Spielern sind da noch im Rennen. Das zeigt eine kleine Anzeige rechts oben am Monitor an.
Im Podcast zum Projekt erzählen die Autoren Julian Held und Lisa Rupprecht von ihrer Recherche im Schützenverein und in der Gaming-Szene. Jetzt auf Soundcloud anhören.
Zum Jahreswechsel ist die Reform des Wehrdiensts in Kraft getreten. Alle jungen Männer und Frauen, die danach 18 Jahre alt werden, bekommen einen Fragebogen von der Bundeswehr geschickt. Die Männer müssen ihn beantworten, die Frauen können das tun. Später kommt auch eine Musterung für die Männer hinzu, eine medizinisch-psychologische Tauglichkeitsuntersuchung für den Dienst an der Waffe. Mit dem Schritt will die Koalition mehr Soldaten für die Truppe rekrutieren, ohne die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wieder einzuführen.
Student Niklas ist davon nicht betroffen, mit 22 ist er für die sogenannte Wehrerfassung schon zu alt. Doch auch sonst findet er nicht gut, was da gerade passiert. „Eine Wehrpflicht für junge Leute finde ich furchtbar, vor allem, weil sie sonst von der Gesellschaft überhaupt nichts zurückkriegen“, sagt er. Während eines Auslandsjahrs als Schüler in England hat Niklas eine militärische Grundausbildung durchlaufen, wo er erste Erfahrungen an der Waffe sammelte. Neben Marschübungen baute er auch Maschinengewehre auseinander und schoss mit Luftgewehren an kleinen Schießständen. „Ich fand das überhaupt nicht geil“, sagt der Gamer. „Ich mochte allein den Knall beim Schießen nicht und auch nicht, wenn andere neben mir mit Waffen herumhantieren.“
Im Spiel ist die Waffe nur Mittel zum Zweck
Virtuelle Waffen wie die in „Call of Duty“ sind für den Studenten etwas völlig anderes. „Der Unterschied ist, dass im Videospiel die Waffe ein Mittel zum Zweck ist, um zu gewinnen“, sagt er. „In der Realität steckt ein echter Mensch dahinter. Wenn dann geschossen wird, hätte das schreckliche Konsequenzen.“
Immer wieder wird diskutiert, ob Ego-Shooter zu einer erhöhten Aggressivität und Gewaltbereitschaft führen würden. Studien zeigen, dass Videospiele mit expliziten Gewaltdarstellungen die Empathiefähigkeit der Spieler offenbar nicht messbar beeinflussen. Die Gewaltdarstellungen in Videospielen führen zwar dazu, dass Gamer sich Gewalt häufiger und intensiver vorstellen. Doch Millionen von ihnen zeigen im Alltag keine Anzeichen von gewalttätigem Verhalten. Für Niklas ist eine Sache klar: Sobald die Konsole aus ist, geht die Realität an. „Beim Zocken ist klar, ich tobe mich auf einer digitalen Fläche aus. Ich weiß aber, dass ich keiner Fliege etwas zuleide tue“. Außerhalb der digitalen Welt hält sich Niklas von Waffen fern und auch von der Bundeswehr. „Der Dienst an der Waffe wäre es nicht wert, weil ich im echten Leben nicht auf Menschen schießen möchte.“
Im Schützenverein in Großostheim hat sich der Vorraum gefüllt. Mehrere Mitglieder sitzen an dem großen Holztisch, auch ältere. Einer von ihnen öffnet ein alkoholfreies Weizen; Alkohol ist an den Schießbahnen verboten. Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Schützenverein und Bundeswehr antwortet er: „Beim Bund geht es darum, wirkungsvoll zu treffen. Bei uns darum, präzise zu sein.“ Der Weg in den Schützenverein führt nicht automatisch zum Bund und umgekehrt, so stellen es viele im Verein dar. Immer wieder fällt das Wort Abgrenzung. Menschlich geformte Zielscheiben seien im Schützenverein verboten. Und Paintball, die Simulation eines Gefechts, bei der die Teilnehmer mit kleinen Farbkugeln aufeinander feuern? „Die spielen Krieg“, sagt einer. Beim Sportschießen gehe es um Technik, nicht um Szenarien. Um Regeln, nicht um Gewalt.
So viele Regeln gibt es kaum irgendwo sonst
Kaum ein Sport wirkt so stark reglementiert wie das Schießen im Verein. Julian ist Jugendleiter in Großostheim, er trainiert Kinder und Jugendliche von zwölf Jahren an. An größere Waffen kommen die Mitglieder erst mit 25, aus Sicherheitsgründen. „Die Bundeswehrwaffen sind eh zu schlecht, um präzise zu schießen“, sagt er. Soldaten arbeiten mit Waffen, die auf Haltbarkeit und Robustheit ausgelegt sind, die im Gefecht nicht versagen dürfen. Bei Schützen steht die Genauigkeit im Vordergrund.
Und doch ist die Sache manchmal komplexer. Ein Schütze sagt, er finde es widersprüchlich, wenn jemand den Dienst an der Waffe aus moralischen Gründen verweigere und gleichzeitig im Schützenverein aktiv sei. Auch besitzt niemand in der Runde einen Jagdschein. „Das ist nochmal etwas ganz anderes“, heißt es dann. Beim Jagen gehe es um Naturschutz, das Treffen von Tieren, bei dem sofort der Tod eintritt, sei Mittel zum Zweck. Im Schützenverein ist die Präzision selbst das Ziel. Der Schützenverein in Großostheim will vieles sein, mal Treffpunkt für Gleichgesinnte, mal sportliche Arena. Aber ganz sicher kein Vorzimmer für die Bundeswehr.
Das Bild ganz oben zeigt den Studenten Niklas Cleve beim Spielen von „Call of Duty“. Foto: Julian Held
