Mit dem neuen Wehrdienst setzt die Bundesregierung zunächst auf Freiwilligkeit. Für dieses Modell gibt es in Europa Vorbilder. Doch nicht alle Staaten lassen jungen Menschen die Wahl. Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Ein Überblick.
Von Emil Dröll
Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Diskussion um einen neuen Wehrdienst wieder aufgekommen. Nachdem die alte Wehrpflicht im Jahr 2011 ausgesetzt worden war, hatte die Bundeswehr mit Personalmangel zu kämpfen. Doch die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich verschärft. Mit dem neuen Wehrdienstmodell, das zum Jahresbeginn in Kraft getreten ist, ist Deutschland in Europa kein Sonderfall. Die Bundesregierung hat einen Wehrdienst geschaffen, ohne dafür das Grundgesetz zu ändern.
Kern des Modells ist eine verpflichtende Erfassung: Alle jungen Menschen erhalten nach ihrem 18. Geburtstag ein Schreiben mit QR-Code, das zu einem Online-Fragebogen führt. Männer sind verpflichtet, Angaben zu Bereitschaft und Fähigkeit zum Wehrdienst zu machen, für Frauen bleibt die Teilnahme freiwillig. Ab dem Geburtsjahrgang 2008 ist zudem eine verpflichtende Musterung für Männer vorgesehen. Ziel ist ein belastbarer Datenbestand, der es der Bundeswehr ermöglichen soll, ihren Personalbedarf realistisch zu planen und die Einsatzbereitschaft zu erhöhen. Gleichzeitig soll die Reserve systematisch gestärkt werden. Jeder freiwillig Wehrdienstleistende wird nach Ende der aktiven Dienstzeit automatisch der Reserve zugeordnet.
Flankiert wird das Modell durch finanzielle Maßnahmen: Bereits ab einer Verpflichtungszeit von einem Jahr kann der Status eines Soldaten auf Zeit erworben werden, verbunden mit besseren Besoldungs- und Versorgungsansprüchen. Zudem sind Anreize wie Zuschüsse zum Führerscheinerwerb vorgesehen. Bis 2035 soll die Bundeswehr auf rund 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten anwachsen, hinzu kommen 200.000 Reservistinnen und Reservisten. Werden diese Zahlen nicht erreicht, sieht das Gesetz ein weiteres Verfahren vor, das auch verpflichtende Maßnahmen ermöglichen könnte.
- Anreize statt Zwang: Wie andere Länder Personal für ihre Armeen gewinnen
In Europa zeigt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: In vielen süd- und westeuropäischen Staaten wurde die Wehrpflicht abgeschafft. Frankreich stellte die Einberufungen 2001 ein, Spanien folgte 2002, Italien 2005. Auch die Slowakei, Kroatien und Albanien setzten zu Beginn des Jahrtausends auf reine Freiwilligenarmeen.
Anders gestaltet sich die Lage in Ost- und Nordeuropa. Staaten wie Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Norwegen, Schweden und Dänemark halten an der Wehrpflicht fest oder haben sie nach zwischenzeitlicher Aussetzung wieder eingeführt. Gemeinsam ist diesen Ländern weniger ihre Größe als ihre geographische Lage: Fast alle liegen in unmittelbarer Nähe zu Russland oder im direkten Einflussbereich russischer Machtprojektion. Ein wesentlicher Auslöser für die abermalige Einführung oder Verstärkung der Wehrpflicht war die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014, lange vor dem aktuellen Großangriff auf die Ukraine, der 2022 begann.

Die Grafik zeigt Länder mit aktiver Wehrpflicht (rot) und ohne aktive Wehrpflicht (gelb). Letztere Kategorie umfasst auch Staaten, in denen die Wehrpflicht ausgesetzt ist, als auch solche, in denen sie im Kriegsfall wieder aktiviert werden könnte.
Finnland gilt in Europa als Musterbeispiel für eine funktionierende Wehrpflicht. Etwa drei Viertel der Männer eines Jahrgangs werden einberufen, die gesellschaftliche Akzeptanz ist hoch. Anreize spielen dabei eine zentrale Rolle: Während des Wehrdienstes können Rekruten kostenlos Führerscheine erwerben, nach dem Dienst eröffnen sich für sie bessere Chancen etwa im öffentlichen Dienst. Zudem profitieren ehemalige Wehrdienstleistende bei Bewerbungen für militärische Berufe. Die Reservepflicht reicht bis zum 50. Lebensjahr.
Im Podcast zum Projekt erklärt Autor Emil Dröll kurz und knapp, wie sich die Wehrdienstmodelle weltweit unterscheiden und wo Deutschland im internationalen Vergleich steht. Jetzt auf Soundcloud anhören.
Ähnlich ist es in Norwegen, das 2015 als erstes NATO-Land eine geschlechtsneutrale Wehrpflicht einführte. Der Grundwehrdienst lässt sich dort mit einem Berufsabschluss kombinieren, ohne dass sich die Ausbildungszeit verlängert. Zudem erhalten ehemalige Wehrdienstleistende Bonuspunkte bei Bewerbungen für ein Hochschulstudium.
Auch Lettland setzt stark auf Anreize: Freiwillige erhalten einen deutlich höheren Wehrsold als eingezogene Wehrpflichtige. Nach einem elf Monate währenden Dienst besteht die Möglichkeit eines gebührenfreien Studiums an staatlichen Hochschulen – ein Instrument, das gezielt junge, gut ausgebildete Menschen ansprechen soll.
Litauen wiederum staffelt seine Anreize vergleichsweise fein: Wer sich freiwillig vor der Einberufung meldet, erhält bis zu 30 Prozent mehr Geld. Seit diesem Jahr werden zudem besonders spezialisierte Soldaten finanziell stärker belohnt, während weniger spezialisierte früher in die Reserve wechseln können.
- Dänemark: Pflicht mit Losverfahren
Der deutsche Nachbar im Norden kombiniert eine formale Wehrpflicht mit großer Flexibilität. Seit 2025 gilt die Wehrpflicht in dem Land geschlechtsneutral. Am „Tag der Verteidigung“ werden alle 18-Jährigen gemustert, tatsächlich eingezogen wird jedoch nur ein kleiner Teil eines Jahrgangs, zuletzt etwa sieben Prozent. Reichen Freiwillige nicht aus, entscheidet ein Losverfahren.
Der Wehrdienst soll nun von vier auf elf Monate verlängert werden. Anschließend stehen die Gedienten fünf Jahre als Reservisten zur Verfügung. Wer aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigert, kann einen gleich langen Ersatzdienst leisten. Das Modell gilt als politisch akzeptiert, weil es Pflicht, Freiwilligkeit und Zufall kombiniert.
- Belgien und Niederlande: Wiedereinstieg durch Freiwilligendienste
Belgien hat die Wehrpflicht zwar faktisch ausgesetzt, setzt aber gezielt auf freiwillige Modelle. Seit 2025 erhalten junge Frauen und Männer eine Einladung, sich für ein Jahr den Streitkräften anzuschließen. Die Regierung rechnet damit, in der Legislaturperiode so bis zu 3000 zusätzliche Reservisten zu gewinnen.
Auch die Niederlande halten formal an der Wehrpflicht fest, verzichten jedoch auf Einberufungen. Alle 17-Jährigen erhalten ein Schreiben, dem zufolge sie registriert werden, aber nicht verpflichtet. Angesichts der sicherheitspolitischen Lage wird dort aktuell über neue Dienstmodelle diskutiert, um die Truppenstärke im Ernstfall schneller erhöhen zu können, eine Rückkehr zur alten Massenwehrpflicht gilt jedoch als politisch unrealistisch.
- Pflicht, Ersatzdienst und gesellschaftliche Akzeptanz
Fast alle demokratischen Staaten mit Wehrpflicht sehen Ersatz- oder Zivildienste für Kriegsdienstverweigerer vor, etwa Finnland, Estland, Österreich oder Schweden. In Schweden existiert darüber hinaus ein gestuftes System aus militärischem, zivilem Verteidigungsdienst und einem nationalen Pflichtdienst, der nur im Krisenfall aktiviert wird.
Österreich nimmt eine Sonderrolle ein: Die Wehrpflicht wurde 2013 per Volksentscheid bestätigt. Der sechsmonatige Grundwehrdienst führt automatisch zu Reservepflichten, der Ersatzdienst dauert neun Monate und kann ohne Angabe von Gründen gewählt werden.
- Blick über Europa hinaus
Außerhalb Europas reicht das Spektrum von reinen Registrierungssystemen, wie in den USA, wo sich alle Männer zwischen 18 und 25 erfassen lassen müssen, bis hin zu äußerst repressiven Wehrpflichtregimen.
In Nordkorea, Eritrea oder teilweise auch Russland ist die Wehrpflicht mit langen Dienstzeiten, fehlenden Ersatzdiensten und teils massiven Menschenrechtsverletzungen verbunden. Diese Systeme dienen nach Auffassung von Menschenrechtsorganisationen weniger der Verteidigung als der politischen Kontrolle und gelten als ein wesentlicher Fluchtgrund für junge Menschen.
- Deutschlands Modell im internationalen Kontext
Im internationalen Vergleich bewegt sich Deutschland in der Mitte zwischen klassischer Wehrpflicht und vollständiger Freiwilligkeit. Der neue Wehrdienst setzt, ähnlich wie in Skandinavien oder den baltischen Staaten, auf Erfassung, Anreize und eine starke Reserve. Zwang bleibt vorerst das letzte Mittel.
Das Bild ganz oben zeigt einen Infanteristen des österreichischen Bundesheers. Foto: Bundesheer
