Soldaten müssen gehorchen und kämpfen, ist doch klar. Beginnt mit dem Wehrdienst ein neues Zeitalter der Autorität? Die Truppe muss sich verändern, um zeitgemäß zu bleiben.
Ein Essay von Lena Barozzi
Denke ich an den Wehrdienst, denke ich an Udo Lindenberg. „Wozu sind Kriege da?“, sang Lindenberg in einem Duett mit dem damals erst zehn Jahre alten Pascal Kravetz. Das Lied ist 1985 erschienen, zur Zeit des Kalten Kriegs. „Keiner will sterben, das ist doch klar“, heißt es da. „Keine Mutter will ihre Kinder verlieren und keine Frau ihren Mann.“ Wozu also sind Kriege da? Gute Frage. Klar ist: Sie zu stellen, war damals wichtig. Sie zu beantworten, ist heute womöglich noch viel dringlicher als vor vierzig Jahren.
Seit dem Jahreswechsel stehen junge Leute in Deutschland vor einem Staat, der sie wieder spürbar stärker zur Pflicht ruft. Nicht mit der Strenge von früher, die alte Wehrpflicht hat die Bundesregierung nicht wieder scharf gestellt. Doch die Briefe, welche die Bundeswehr jungen Frauen und Männern jetzt zum 18. Geburtstag schickt, in denen die Truppe ihr Interesse am freiwilligen Wehrdienst erfragt, sich nach Gewicht, Sprachkenntnissen und Führerscheinen der jungen Leute erkundigt, sind ein Zeichen, dass sich die Welt verändert hat.
Europa ist unsicherer geworden, vor allem, aber nicht nur wegen der Aggression Russlands. Die Empfänger der Briefe kommen aus einer Generation, die in Friedenszeiten groß geworden ist, ausgestattet mit den Privilegien größtmöglicher Selbstbestimmung in Jahren wirtschaftlichen Aufschwungs und vergleichsweise ausgeprägter Sicherheit auf dem europäischen Kontinent. Und nun erinnert der Postbote sie daran, dass es schon bald wieder ganz real werden kann, sich voll und ganz einer Autorität zu fügen. Denn dass eine Kaserne nur mit Gehorsam und Disziplin funktioniert, weiß doch jedes Kind. Beim Militär mag es vieles geben. Aber ganz sicher keine Selbstbestimmung und keine Individualität.
Wie sich mein Vater an seine Zeit beim Bund erinnert
Nach Udo Lindenberg denke ich an meinen Vater. An die Geschichten, die er von früher erzählte: Von Freunden, die an Wochenenden nicht nach Hause durften; von Liebesbeziehungen, die die Distanz zwischen Kaserne und Zuhause nicht überstanden. All das sei keine Seltenheit gewesen, hat er gesagt. Für meinen Vater begann das alles mit 21 Jahren. „Flieger Barozzi“, so haben sie ihn genannt. „Flieger“ bezeichnet den niedrigsten Einstiegsdienstgrad in der Luftwaffe bei der Bundeswehr. Ein Titel für diejenigen, die ganz am Anfang stehen, in der Grundausbildung, am unteren Ende der militärischen Hierarchie.
Er erinnert sich an den ersten Tag bei der Truppe, an die lange Schlange, die sich an der Ausgabe für Kleidung und Material gebildet hat. Der erste Satz setzte den Ton: „Alle Mann Trainingsanzüge anziehen und in fünf Minuten in der Halle erscheinen!“. Weil mein Vater unter der Jacke noch sein eigenes T-Shirt trug und nicht das der Bundeswehr, wurde er vor allen Anwesenden aus der Reihe gezogen und lautstark zurechtgewiesen. Widerworte waren nicht erwünscht. Vielen seiner Freunde habe der harte Ton zugesetzt. Ihm hingegen habe es nichts ausgemacht. Er sagt: „All diese Mechanismen sind an mir abgeprallt.“

Ginge es mir genauso wie ihm, wäre ich heute an seiner Stelle? Auch für die jungen Menschen heute haben Institutionen den Ton gesetzt, doch der Sound ist ein ganz anderer als in der Kaserne. Mitsprache gilt als Selbstverständlichkeit, es gibt Schülervertretungen am Gymnasium und Fachschaften an der Hochschule. Unternehmen betonen ihre angeblich flachen Hierarchien und die offene Diskussionskultur, die sie zu pflegen hoffen. In den sozialen Medien wird ohnehin ständig diskutiert. Den Befehlston hört man heute allenfalls auf dem Fußballplatz. Oder von der Mathelehrerin, wenn sie mal schlechte Laune hat.
Und plötzlich soll ausgerechnet diese TikTok-Generation lernen, Befehle von Oberleutnants entgegenzunehmen und Kommandos von Feldwebeln zu befolgen, deren Macht allein auf ihrem Dienstgrad beruht? Sie sollen gehorchen, kämpfen, im äußersten Fall ihr Leben geben? Wie passt das zusammen?
Fordert der Staat zu viel und liefert zu wenig?
Das Misstrauen gegenüber dem Staat spielt dabei eine große Rolle. Bundesschülersprecher Quentin Gärtner sagt dazu: „Viele junge Menschen fragen sich, warum sie etwas leisten sollen, wenn der Staat an anderer Stelle nicht für sie funktioniert.“ Denn Schulen seien marode, die Bildungsqualität lasse zu wünschen übrig und die mentale Gesundheit der Schüler werde ignoriert. Für wen also kämpft man eigentlich? Für einen Staat, der fordert, aber zu selten liefert? Oder für die Gesellschaft, die Teil der eigenen Realität ist? Wer Loyalität verlangt, muss Vertrauen schaffen. Und wer Einsatz fordert, muss erklären, wofür und für wen.
Der Philosoph Ole Nymoen formuliert die pazifistische Gegenposition zur Wehrpflicht zugespitzt so aus: „Ich habe keine Lust, auf Menschen zu schießen, die ich nicht kenne.“ Im Ernstfall seien Regierungen mehr am eigenen Machterhalt interessiert als am Wohl der eigenen Bevölkerung, argumentiert er. Ohne Widerspruch bleibt die Haltung nicht. Wolf Gregis, ein früherer Zeitsoldat, sagt: „Wenn es etwas zu verteidigen gibt, dann Artikel 1 des Grundgesetzes.“ Dort ist der Grundsatz festgehalten, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Diese Freiheit müssten auch jene schützen, die Angst haben – vor Krieg, Verwundung und Tod.
Und dann ist da noch Friedrich Merz. Der hat auf der CDU-Grundsatzprogrammkonferenz im März 2024, also vor seiner Wahl zum Kanzler, den Satz gesagt: „Frieden gibt es auf jedem Friedhof.“ Freiheit sei wichtiger, fügte er hinzu. Vielleicht stimmt das. Man kann man es aber auch als den Versuch lesen, Gehorsam wieder als moralische Pflicht zu etablieren.
Was passiert, wenn ein Soldat den Befehl verweigert
Für Soldaten im Dienst ist Gehorsam nicht nur eine moralische Verpflichtung. Der Umfang, in dem sie Anordnungen zu folgen haben, ist auch gesetzlich geregelt. Dafür gibt es das Soldatengesetz und das Wehrstrafgesetz. Das Soldatengesetz regelt die Pflichten und den Militäralltag, das Wehrstrafgesetz wiederum sanktioniert deren Verletzung. Wenn ein Soldat einen Befehl bewusst verweigert, kann er mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden.
Doch es besteht ein gewisser Handlungsspielraum. Offenkundig ungesetzlichen Befehlen, die die Menschenwürde verletzen oder deren Ausführung eine Straftat darstellt, darf nicht Folge geleistet werden. Autorität kennt hier eine klare Grenze. Das heißt also: Auch Soldaten dürfen ein Gewissen haben. Nichtsdestotrotz, das Spannungsverhältnis Moral und Recht besteht. Gehorsam entbindet nicht vom Gewissen und das Gewissen nicht von der Pflicht, Befehlen zu folgen, die zweifelhaft oder sinnlos erscheinen.
Natürlich, Autorität ist ein wichtiger Pfeiler funktionierender Regierungs- und Gesellschaftssysteme. Es gibt sie nicht nur bei der Bundeswehr. Im Bundestag gilt zwar der Grundsatz des freien Mandats, bei vielen Abstimmungen jedoch de facto die Fraktionsdisziplin. Unternehmen mögen ihre Mitarbeiter noch so sehr in Entscheidungsprozesse einbeziehen, am Ende entscheiden die Verantwortlichen. Und selbst in sozialen Gruppen, in denen keine formalen Regeln gelten, geben sich die Menschen meist einen informellen Rahmen. Einen Raum ganz ohne Hierarchie gibt es kaum.
Im Podcast zum Projekt erzählt Autorin Lena Barozzi von ihrem Vater und seiner Zeit bei der Bundeswehr und denkt laut darüber nach, ob mit dem neuen Wehrdienst auch das Zeitalter des Gehorsams zurückkommt. Jetzt auf Soundcloud anhören.
Auf meine Frage, wie er das Thema Autorität in der heutigen Zeit einordnet, antwortet mein Vater: „Vielen Menschen würde es vermutlich guttun, sich für eine begrenzte Zeit in klare Strukturen zu begeben.“ Wer Verantwortung übernehmen wolle, müsse immer auch lernen, sich unterzuordnen – einem höheren Ziel, einer besseren Idee, einer sich verändernden Wirklichkeit. Im richtigen Maß sei die Fähigkeit zu Gehorsam keine Schwäche, sondern gar Voraussetzung für Stärke. Schmunzelnd fügt er hinzu: „Aber vielleicht ist das auch nur meine Perspektive als alter Mann.“
Und doch wird zu viel Autorität in einer freiheitlichen Gesellschaft zum Problem. Der neue Wehrdienst, eine mögliche spätere Rückkehr zur Wehrpflicht, das alles stärkt die Bedeutung von Autorität im Land. Noch kann niemand sagen, ob das mehr Gutes bringt als Schlechtes. Wichtig bleibt, dass die Ausübung von Autorität stets aufs Neue hinterfragt wird. Wer Gehorsam von anderen einfordert, muss sicherstellen, dass seine oder ihre Entscheidungen als begründet wahrgenommen werden, im besten Fall als legitim. Wer Macht ausübt, muss seiner Verantwortung gerecht werden.
Es ist nicht nur die Aufgabe der Bundeswehr, in kurzer Zeit so schnell zu wachsen, dass sie aus Sicht der NATO verteidigungsfähiger wird. Sondern auch, moderne Führungselemente zu etablieren und dabei ihre Grundsätze nicht zu verlieren. Deutlich wird: Autorität und Freiheit stehen in einem ständigen Spannungsverhältnis. Jeder Mensch reagiert anders auf Autorität und den Zwang, sich unterzuordnen. Und wo mein Vater dem Druck gewachsen war, zerbrach ein anderer unter der Belastung, der Fremdbestimmung. Freiheit und Gehorsam sind keine Gegensätze, sondern eine Waage, die sensibel austariert werden muss; für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft und für Institutionen wie die Bundeswehr.
Wozu also sind Kriege da? Die Bundeswehr allein wird diese Frage nicht beantworten. Das kann nur jeder für sich allein.
Das Bild ganz oben zeigt Soldaten der Bundeswehr bei der Spezialgrundausbildung. Foto: Bundeswehr/Maximilian Schulz
